Schafwolle – Die Wunderfaser

Ein paar Gedanken über Wolle… und Schafe… und Ethik und …den ganzen Rest

Ein Schwerpunkt unserer Arbeit im archaicARTs Kontext liegt auf dem Gestalten mit Schafwolle. In vielen Jahren  therapeutischer, künstlerischer und kunsthandwerklicher Auseinandersetzung mit Wolle vertiefen sich mein Staunen, meine Dankbarkeit und mein Berührt-Sein bis heute. Durch unsere eigenen Schafe ist meine Beziehung zu Wolle natürlich noch intensiver und persönlicher geworden.

 

Denn unsere fünf WollspenderInnen schenken uns nicht nur ihre Wolle, sondern auch Vertrauen, Zugewandheit und Zuneigung. Ich habe irgendwo gelesen, dass schottische Schäfer vor ihrer Herde gestrickt haben, um den Schafen zu beweisen,dass sie deren Wolle würdig sind. Diesem Ansatz von Respekt und Achtung versuche ich in mir nach zu spüren, ihn zu entwickeln und im Aussen zum Tragen zu bringen. Ein Blick auf die Welt und ihre Lebewesen, frei von der Suche nach Nützlichkeit und Produktivität – sozusagen ein nicht anthropozentrischer Blick – erscheint mir wichtig und erstrebenswert.

Durch die Haltung von Schafen können wir natürlichen Lebensraum für Tiere schaffen und brauchen so das Gelände nicht mit einer Maschine bewirtschaften. Wir können mithelfen, bedrohten Schafrassen zu erhalten, alten Tieren einen „Gnadenhof“ anbieten oder ungewollten Schafen ein Zuhause geben. Der Schafsdung sorgt für fruchtbare Erde in unseren Hochbeeten und nährt die Rosen. Die (natürlich stressfrei geschorene) Wolle ermöglicht uns in einen Arbeits- und Gestaltungsprozesss zu gehen.
So entsteht ein Miteinander auf der Basis von gegenseitigem Geben und Nehmen.

Schafwolle hat zu den im nächsten Absatz genannten Eigenschaften auch eine seelische Wirkung: Sie verbindet uns mit allen Sinnen, stößt schöpferische Impulse an, befriedet tiefe archaische Bedürfnisse nach Schutz, Wärme und Geborgenheit und bringt uns zum Staunen: Die Wandlung von losen Fasern zu Garn und von Garn zu einem Pullover oder einem gewebten Stoff wird (wieder) in einen erlebbaren sinnhaften Kontext gestellt, der nicht durch den Kauf eines Acrylwollknäuels erfahren wird.

Und deswegen möchte ich hier den Text von Kerstin Gustafson und Alan Waller – auch wenn er Vielen schon bekannt ist – nochmal zitieren. Weil´s so schön ist und vor allem um unsere Schafe zu feiern:

Würde eines Tages berichtet, dass eine Textilfaser entdeckt worden sei, die unter freiem Himmel oder in einfachen Gebäuden mit geringem Energieverbrauch und ohne gefährliche Abfallprodukte erzeugt werden kann, dazu noch in verschiedenen Feinheiten und Längen, unser Interesse wäre geweckt.

Würde weiter bekannt, die Faser sei leicht zu veredeln, zu färben und mit anderen Fasern zu mischen, sei giftfrei und hautfreundlich, elastisch, lärmdämmend, wärme- und feuchtigkeitsausgleichend, schmutz- und wasserabstoßend, schwer entflammbar, leicht zu reinigen und fast knitterfrei, wiederverwendbar und hundertprozentig biologisch abbaubar, welchen Namen würden wir dieser Faser geben?

Wahrscheinlich würde man von einer Wunderfaser sprechen….